Die Schola Tigurina in der Mitte des 16. Jahrhunderts: Wachstum und Netzwerkbildung

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Goeing, Anja-Silvia. “Die Schola Tigurina in Der Mitte Des 16. Jahrhunderts: Wachstum Und Netzwerkbildung”. In 500 Jahre Reformierte Theologie in Zürich: Anfänge Und Konsolidierung Von Zwinglis "Hoher Schule" (1525-1601), Ed. By Jan-Andrea Bernhard, Luca Baschera, Urs B. Leu, 105-68. Zürich: TVZ (Theologischer Verlag Zürich), 2025.

Abstract

Nach der Gründungsphase der Schola Tigurina, bekannt geworden auch als Prophezey,[i] wie sie im Kapitel Luca Bascheras beschrieben wird, untersucht dieses Kapitel die Weiterentwicklung der Institution im Verlauf des 16. Jahrhunderts, mit besonderem Augenmerk auf ihre wachsende gesellschaftliche Rolle und die Vertiefung ihrer politischen und kirchlichen Verbindungen in Zürich. Die Schola Tigurina, eine bedeutende Bildungsinstitution des 16. Jahrhunderts in den reformierten Territorien Europas, spielte eine zentrale Rolle bei der Ausbildung von Predigern für Zürich und war darüber hinaus massgeblich an der Sammlung, Ordnung und Verbreitung von Wissen in verschiedenen Disziplinen beteiligt.[ii] Weniger bekannt ist jedoch der Umstand, dass die Zürcher Scholaren nicht nur akademische Fächer wie Theologie, Physik oder klassische Sprachen bereicherten und neu ordneten und dabei Speichereinheiten wie Bibliotheken, Archive und enzyklopädisch aufgebaute Bücher nutzten, sondern dass sich diese akademischen Praktiken auch in der politischen und religiösen Praxis widerspiegelten.[iii] Die Verbindung zwischen Lehrpraxis und deren politischer sowie religiöser Anwendung, die durch die Studenten der lectiones publicae, also der auf die höheren Studien nach dem Besuch der Lateinschulen abzielenden Einheit der Schola als treibende Kräfte dieser Verbreitung hergestellt wurde, bildet einen zentralen Untersuchungsgegenstand dieses Kapitels.[iv] 


 


[i] Vgl. Christennlich ordnung und brüch der kilchen ZürichZürich 1535, f. C3v. Der Ausdruck «Prophezey» ist aber als Bezeichnung für das höhere Bildungswesen Zürichs unsachgemäss, obwohl er in älterer Literatur gebräuchlich ist (vgl. Fritz Büsser, Die Prophezei. Humanismus und Refomation in Zürich. Ausgewählte Aufsätze und Vorträge zu seinem 70. Geburtstag am 12. Februar 1993, hg. von Alfred Schindler, Bern 1994 [ZBRG 17]; Emidio Campi, Préambule: La prophétie de Zürich, in: La naissance des académies protestantes (Lausanne, 1537 – Strasbourg, 1538) et la diffisusion du modèle, hg. von Monique Vénuat und Rucandra Vulcan, Clermont-Ferrand 2017, 29–33; Jan-Andrea Bernhard, Die Prophezei [1525–1532]: Ort der Übersetzung und Bildung, in: Martin Rüsch und Urs B. Leu [Hg.], „Gedruckt zů Zürich“. Ein Buch verändert die Welt, Zürich 2019, S. 93–113).

[ii] Die jüngste Würdigung der Schola Tigurina stammt von Matthias Asche,  Das höhere Bildungswesen der Schweiz in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Institutionen und Formen der Peregrinatio academica, in Acta Universitatis Carolinae. Historia Universitatis Carolinae Pragensis 63/1 (2023), 13–47. Eine bibliographische Übersicht bis 2015 findet sich in: Anja-Silvia Goeing, Storing, Archiving, Organizing. The Changing Dynamics of Scholarly Information Management in Post-Reformation Zurich, Leiden 2017 (Library of the Written Word 56/The Handpress World 42), 407–451. Seitdem sind vor allem Werke über Privatbibliotheken, Korrespondenznetzwerke, wissenschaftliche Leistungen, Geschichtsverständnis und Gelehrtenleben einzelner Zürcher Professoren entstanden: Beispiele jüngerer Zeit in chronologischer Folge sind: Following Zwingli. Applying the Past in Reformation Zurich, hg. von Luca Baschera et al., Farnham 2014; Urs B. Leu, Conrad Gessner (1516–1565). Universalgelehrter und Naturforscher der Renaissance, Zürich 2016; Urs B. Leu und Sandra Weidmann, Huldrych Zwingli’s Private Library, Leiden/Boston 2019 (Studies in Medieval and Reformation Traditions 215); Urs. B. Leu und Sandra Weidmann, Der bibliophile Reformator. Rudolf Gwalthers Privatbibliothek, Baden-Baden 2020 (Bibliotheca bibliographica Aureliana 255); Marc Kolakowski, Johann Wilhelm Stucki (1542–1607). De l’histoire antiquaire à l’histoire des religions, Dissertation Université de Lausanne, 2020; Urs B. Leu, Conrad Gessner (1516–1565). Universal Scholar and Natural Scientist of the Renaissance, übers. von Bill C. Ray, Leiden/Boston 2023 (Medieval and Early Modern Philosophy and Science 38). Zu erwähnen ist auch noch die seit 2023 öffentlich zugängliche im Aufbau befindliche Online-Datenbank: David Amherdt und Clemens Schlip, Humanistica Helvetica. Lateinische Prosa und Poesie der Schweizer Humanisten des 16. Jahrhunderts, https://humanistica-helvetica.unifr.ch/de (03.10.2024) mit vielen Zürcher Beispielen: Sie haben u.a. eine neu annotierte deutsche, französische und italienische Fassung der Autobiographie des Zürcher Griechischprofessors Rudolf Collinus veröffentlicht.

[iii] Arbeiten zur Geschichte archivalischer Praxis, die Zürich mitumfassen, wurden vor allem von Randolph Head geleistet (vgl. Randolph C. Head, Making Archives in Early Modern Europe. Proof, Information, and Political Record-Keeping, 1400–1700, Cambridge 2019; ders., Records, Secretaries, and the European Information State, circa 1400–1700, in: Information. A Short History, hg. von Ann Blair et al., Princeton/Oxford 2024, 136–167).

[iv] Ich nenne diese obere Stufe der Hohen Schule nach vielfältigem zeitgenössischen Sprachgebrauch «lectiones publicae» bzw. «letzgen», bezeichne sie aber auch gerne als «Lektorium», und nach dem Unterrichtsort, wie sie auch in der Schulordnung von 1559 eingegrenzt werden (StAZH: E II 476, f. 12r: «Von den Lectionibus die in dem Lectorio beschehen sollend»), und zwar analog zur zeitgenössischen Bezeichnung der beiden Lateinschulen nach ihrem Ort als «untere» bzw. «obere» Schule. Über die genaue Einordnung dieser Institution in die zeitgenössische Bildungslandschaft lässt sich diskutieren: Der Unterricht der letzgen vereinte die funktionalen Komponenten einer Akademie, eines theologischen Seminars, einer «Hohen Schule» und der oberen Stufen eines Gymnasiums. Während Ludwig Lavater 1559 den Begriff «Gymnasium» präferierte (und eventuell auf einen Vergleich mit Strassburg anspielte), fasste Josias Simler die Institutionsfunktion der Schola Tigurina in den Jahren 1576 und 1577 in ihrer Gesamtheit als Schule und erwähnte ausdrücklich, dass es keine «academia» sei, wie er die Universität Basel nannte (vgl. Ludwig Lavater, De ritibus et institutis ecclesiae Tigurinae opusculum, Zürich: Christoph Froschauer d. Ä., 1559,  f. 17v–19v; Josias Simler, Regiment Gemeiner loblicher Eydgnoschafft, Zürich: Christoph Froschauer d. J., 1576, f. 166r; Josias Simler, De republica Helvetiorum libri duo, Zürich: Christoph Froschauer d. J., 1577, f. 151v). Der heute in der Sekundärliteratur häufig erwähnte Name «Carolinum» hat seine Wurzeln im 17. Jahrhundert. Siehe auch Anja-Silvia Goeing, Die Ausbildung reformierter Prediger in Zürich, 1531–1575. Vorstellung eines pädagogischen Projekts, in: Bildung und Konfession. Theologenausbildung im Zeitalter der Konfessionalisierung, hg. von Herman J. Selderhuis und Markus Wriedt, Tübingen 2006 (Spätmittelalter und Reformation, Neue Reihe 27), 295–297. 


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Cover Image of "500 Jahre reformierte Theologie in Zürich" (2025)